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09.03.2026

Quartierklänge im Koch-Quartier

Im März liess Kraftwerk1 das Format Bauküche im Koch-Quartier ausklingen. Und dies wortwörtlich, mit Chorstimmen und Musiker:innen in der Kohlelagerhalle. Denn der Kraftwerk1-Bau ist bald fertig!

Mit dieser Veranstaltung verabschiedet sich das Format Bauküche und übergibt dem Team vom Kunst Koch Werk, welches die letzte Bauküche in Ko-Produktion mitveranstaltete.

Neun Bauküchen-Anlässe haben stattgefunden über die letzten Jahre, wo sich Kraftwerk1 bereits vor und während des Baus mit den Nachbar:innen, mit dem Quartier und inspirierenden Akteur:innen vernetzt und ausgetauscht hat. 

Für den letzten Anlass waren drei verschiedene Chöre von Genossenschaften, ein Musikerduo, eine Sopranstimme sowie Instant-Violin-Klang eingeladen.

Die Veranstaltung war tatsächlich eine Mischung aus beiden Formaten: Das sich Vernetzen und in Kontakt Kommen sowie der künstlerische Aspekt, den Ort als Bühne und Plattform zu nutzen, sowie die Bauten und Geschehnisse einzubauen. So sahen beim Impro-Geiger mit der roten Clownnase wohl viele eine Anlehnung an den Zirkus Chnopf während einer der Chöre mit dem Sugus-Jodel die Zürcher Wohnkrise thematisierte.

Teilgenommen haben (korrekte Namen werden noch angepasst): 

Instant-Violine: Kraftwerk1-Vorstand/Co-Präsidium Philipp Klaus
Hardturm Chor aus der Kraftwerk1-Siedlung Hardturm
Sunnigehof Chor aus der Genossenschaft Sunnige Hof
Otto-Chor aus der ABZ-Siedlung in der Ottostrasse
Musikduo The Neighbourhoods aus Altstetten
Sopranistin Sela Bieri
 

Was ist das «Kunst Koch Werk» und warum beschäftigt sich Kraftwerk1 überhaupt mit Kunst und Bau? Mehr dazu hier.

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Künstlerische Dokumentation

Das «Kunst Koch Werk» wird laufend von Künstler:innen dokumentiert. Für diesen Anlass hat Smilla Diener sich Notizen gemacht und folgendes Protokoll erstellt: 

Smilla Diener hat einen Bachelor in Industrial Design und einen Master in Kulturpublizistik. In Form von Text, Audio, Video, Interventionen, Moderation, Konzepten und Strategien prüft Smillas Arbeit, wie wir mit Dingen und Sprache ein lebenswertes Heute und Morgen gestalten.

Das Publikum lauscht, das Publikum singt 
Protokoll / Smilla Diener

 

Die Kohlenhalle klingt. Drei Gruppen à zehn Leute stehen erhöht auf den Rändern, die das tiefergelegene Kohlenhalleareal von der Umgebung trennen. Sie halten Papierbögen, schwingen hin und her im Takt, summen, wippen, wackeln. Kinder wuseln durch die Holzpfeilerwald, klettern entlang Metallstreben, die bis unters Dach gehen. Unter dem Dach vermengen sich warme Sing-, Summ-, Gitarren- und Pianoklänge. Sie hallen, köcheln unter dem Deckel. In der einen Chorgruppe legt sich eine Person das Ende einer Leuchtgirlande über die Schultern und gibt das andere Ende an die Gruppe weiter, bis sie über alle Körper verteilt ist. Mehr Leute kommen an, bleiben zwischen den versprengten Gruppen stehen, schauen mit grossen Augen, drehen sich um, schauen weiter. Es ist heller als letzte Woche. Der Himmel mischt einen blassen Gradient von blau bis orange. Leute sagen
Hallo,
setzen sich auf die städtischen Stühle, plaudern. Es ist 18:30. Geigenmusik ertönt, erst im Auf und Ab aus Geplauder und Geprobe. Aber die Geige verstummt nicht. Ein Clown taucht auf. Er spielt die Geige. Er ruft und lacht
– ja, nein, ja –,
speit bekannte Melodien, die in verzerrten Auswegen enden.
Jajjj… trall – alla –
die Geige und die Stimme des Clowns hallen durch einen Verstärker in die Kohlenhalle. Das Publikum schart sich um den Clown, der erzählt, der spielt und ächzt, erschüttert. Das Publikum wächst. Der Clown reimt, seine Geige zittert und spielt. Schluss.
Applaus.
Liebes Publikum, rückt näher –
das Publikum rückt näher an die Asphaltbühne heran, auf der gerade noch der Clown spielte. Das Publikum ist so gross, dass die vordersten Reihen die Stimme der Sprecherin verschlucken, bevor sie bei der hintersten Reihe ankommen kann. Der Clown händigt ihr sein Mikrofon.
Jetzt kommt die Wundertüte –
die Stimme der Sprecherin kommt nun aus dem Verstärker –,
ja, auch das Kraftwerk 1 hat einen Hauschor.
Ein Piano stimmt eine heitere Melodie an, die sich langgezogen durch den Raum bewegt. Der Hardturmchor setzt mit
dum dum dum dum
ein, aus dem Publikum wippen Leute mit, summe leise oder knurrig. Ein neues Lied schlägt an. Der Chor macht eine Choreo aus Gesten und beginnt mit
Ich hanes Velo…,
singt
so wär eusi Luft e chli besser, aha,
dann im Kanon, das Publikum nickt mit, wippt mit,
chli besser, aha,
chli besser, aha,
chli besser, aha,
chli besser, aha,
chli besser, aha,
chli besser, aha,
chli besser, aha,
chli besser, aha.
Applaus.
Woo–ho!
Papiere rascheln, das Piano schlägt einen neuen Ton an, eine ziehende, schleppende Melodie, die sich im Chor mehrstimmig entfacht. In den langen Tönen schauen die Chorsänger*innen vom Blatt auf, über das Publikum hinweg. Nach dem letzten Ton raschelt das Publikum, verlagert das Gewicht vom einen Bein auf das andere.
Oh mooooooon, oh mooon, come again tomorrow night,
das Piano macht kleine Kapriolen, drängt sich auf die Chorbühne, tritt in einen Dialog mit den Singstimmen. Im Hintergrund springen, stampfen zwei Kinderschuhpaare, eine Stimme zischt
Weisch was…
andächtig schwebt
oh mooon
an die Decke. Im Publikum öffnet sich ein Ring, als ein Kleinkind verzückte Umstehende von der Performance ablenkt.
Applaus. Es läutet sieben Uhr.
Drüben erklingen Stimmen und eine schrummige Ukulele, spielen einen heiteren Tune, das Publikum folgt, alle wippen. Der Chor singt vom Klimawandel, das Publikum singt mit.
Mir sind zfride, und alles isch chli chli, aber etz simer ändlech bi öppis grossem debi,
Und weil das Thema so düster und der Ton so heiter ist, kichert und gluckst das Publikum. Der Chor stimmt zum Sugusjodel an. Das Publikum schaltet sich ein, applaudiert, ruft
juhu!
Dann:
du fragsch mi wer i bi…
singt der Chor,
warum i sone geile Porsche han,
ein Kind dreht sich zu einer erwachsenen Person um und ruft
das singt s Mami au!
Die Stimmen kommen aus lieblich lächelnden Gesichtern. Das Publikum johlt und pfeift. Nächstes Lied. Der Chor besingt die Ottostrasse, die Josi, das Quartier, die Stadt. Das Publikum hört zu.
Applaus.
Das isches gsi, etz gahts witer!
Das Publikum setzt sich in Bewegung, irrt sich darüber, wo es weitergeht, als tiefe, drohnige Tubageräusche durch die Halle wabern.
Ein Team aus zwei spielt mit Helikon und Gitarre. Der Gitarrist singt über Whisky und Kaffee. Eine Just-Eat-Veloperson fährt an die Gruppe heran, muss ausweichen und das Velo über die Mauer hieven, schnellt in die Dunkelheit davon. Die Nacht bringt kalte Luft. Der Sänger singt über New Orleans und die kalifornische Sonne, singt
freedom’s just another word for nothing left to lose.
Das Publikum schwingt langsam mit. Dem Helikonisten geht die Puste aus, er entschuldigt sich, setzt brummig an, wackelt unter den schweren Tönen, lehnt sich in den langen Tönen nach hinten und geht in die Knie, als wäre er eine Tube an einer Tischkante und der Ton der letzte Rest Zahnpasta. Der Sänger singt immer noch von New Orleans.
Das Publikum applaudiert, wird ein Chor aus kurzen, kehligen
whoo! whoo! whoo!
verteilt sich, findet sich am anderen Ende der Kohlenhalle vor der letzten Chorgruppe wieder. Hier spielt ein Trommel- und Klatschrhythmus à la We Will Rock You, dann
glory, glory, hallelujah,
während drei Kameraleuchten von allen Seiten auf den Chor leuchten.
Wer kann segeln ohne Wind?
Der Chor macht synchron diese Nickbewegung beim Einatmen und Aussingen, spielt ein nächstes Stück.
Das letzte war aus Tanzania, das nächste ist von den Eagles,
sagt der Chorleiter.
Applaus.
Eine Stimme ertönt vom Dach. Sie singt wie eine Opernsängerin vom Treppendreieck an der Fassade. Die Gruppe dreht sich um.
Wann gibt es jetzt ein Bier? Langsam wäre ich parat,
die Gruppe bewegt sich zur Stimme. Die Stimme singt
alli mini Äntli,
macht Opern-
ooooh
und
aaaah, oooh,
das Publikum zuckt und kichert, folgt der Soloistin. Ein Kind trägt sein Trotti die Treppe hoch.
Die Solistin lädt zum klingenden Tunnel auf dem Weg zum Apéro ein. Es dröhnt, pfeift, summt, klingt, während sich ein Spalier aus immer mehr Menschen bildet, und immer mehr Menschen durch den klingenden Tunnel hindurchgehen, der Kakophonie lauschen und sich ihr anschliessen. Ein Kind wird durch den Tunnel getragen, dreht den Kopf, schaut nach den Ursprüngen des Klangs, der wächst und wandert. Der Spalier bewegt sich Richtung Apéro. Der Spalier klingt immer, hält Töne, setzt zu neuen an. Eine Person stampft, eine Person trommelt mit den Händen auf den Beinen. Das Publikum ist zum Chor geworden. Er kichert, klingt, singt.
Applaus. Bierflaschen klirren.

 

Mehr Informationen:

Weitere Informationen finden sich in der Einladung zu diesem Anlass. 

Einladung

Smilla Diener hat einen Bachelor in Industrial Design und einen Master in Kulturpublizistik. In Form von Text, Audio, Video, Interventionen, Moderation, Konzepten und Strategien prüft Smillas Arbeit, wie wir mit Dingen und Sprache ein lebenswertes Heute und Morgen gestalten.

Was es mit dem «Kunst Koch Werk» auf sich hat und warum sich Kraftwerk1 bei der Siedlung Koch überhaupt mit Kunst beschäftigt, erklären wir auf der Projekt-Seite. Dort finden sich auch die Einladungen und Dokumentationen aller bisherigen Anlässe. 

Kunst Koch Werk