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Kkw6 doku

02.10.2026

Kunst als Dividende, Kunst im Tresor, Kunst, die vergeht..

Mit dem Austausch zwischen Kraftwerk1 und Kalkbreite fand am 24. September der sechste Anlass in der Reihe «Kunst Koch Werk» statt. Es folgen Notizen zu zwei genossenschaftlichen Kunst-und-Bau Projekten

Zwei Genossenschaften, derselbe städtische Auftrag: Der Abend stellte sehr unterschiedliche Herangehensweisen an Kunst-und-Bau Projekte im Wohnungsbau gegenüber. Während die Kalkbreite auf ein 24-jähriges, fast unsichtbares Konzept setzt, das Geld als Kapitalstock anlegt, und die Erträge im Tresor aufbewahrt, wählt Kraftwerk1 den Weg eines bunten, vielteiligen, partizipativen und vergänglichen Begleitprogramms für die Einzugsphase in die neue Siedlung. Beide Ansätze verzichten auf das feste Objekt zugunsten offener Prozesse, deren Wert sich erst in der Zukunft beweisen muss. Es berichtet Sabeth Tödtli:

Was ist das «Kunst Koch Werk» und warum beschäftigt sich Kraftwerk1 überhaupt mit Kunst und Bau? Mehr dazu hier.

Kkw Kalkbreite
Kkw praesentation an kkw6
Kkw kalkbreite3

Notizen zu zwei genossenschaftlichen Kunst-und-Bau Projekten

Datum: 24. September 2026
Ort: Caféteria Kalkbreite, Badenerstrasse 173, Zürich
Es sprechen: Julia Weber, Martin Furler, Christoph Faulhaber, Sabeth Tödtli und Gäste.
Status: Vorläufige Aufzeichnung eines laufenden Experiments
Protokollant:in: Sabeth Tödtli (und Euria)

(Künstlerische) Dokumentation:
Das «Kunst Koch Werk» wird laufend dokumentiert. Für diesen Anlass hat Sabeth Tödtli sich Notizen gemacht.

Teil I: Das Langzeit-Experiment (Kalkbreite)

Laufzeit: 24 Jahre (Start 2010)
Modus: Konzeptuell, immateriell, vertraglich gebunden
Auftraggeber:in: Genossenschaft Kalkbreite

Jährlich besucht der Hamburger Künstler Christoph Faulhaber die Liegenschaft Kalkbreite in Zürich. 2010 gewann er den internationalen Kunst-und-Bau-Wettbewerb der Genossenschaft Kalkbreite mit einem unkonventionellen Konzept: Das gesamte Preisgeld in der Höhe von 240’000 Franken sollte für 24 Jahre angelegt werden. Der jährliche Zinsertrag steht ihm seither für sein Schaffen zur Verfügung. Als Gegenleistung stellt er der Genossenschaft ein Zwölftel seines jährlichen Schaffens zur Verfügung. Nach Ablauf der 24 Jahre fällt das Kapital zurück an die Genossenschaft für ein neues Kunstprojekt.

Beobachtungen zum Prozess:

  • Die Umkehrung der Logik: Das Geld wird nicht ausgegeben, um ein Objekt zu kaufen oder zu gestalten. Es wird angelegt. Die Zinsen (die „finanzielle Dividende“) finanzieren den Künstler. Der Künstler liefert im Gegenzug eine „künstlerische Dividende“ ab.
  • Die Materialität: Es gibt keine Skulptur im Hof. Es gibt Filme auf digitalen Datenträgern. Es gibt bedruckte Bananenblätter, von denen nur eines überlebt hat. Es gibt Muster, gezeichnet von Saugrobotern.
  • Das Archiv: Befindet sich physisch in einem Tresor der ZKB an der Bahnhofstrasse 9 in Zürich. Zugänglich nur in Anwesenheit des Künstlers. Ausserdem ein Schaft in der Hausbibliothek. Die digitale Präsenz auf der Website der Genossenschaft ist lückenhaft. Noch. Sie wird aber ausgebaut.
  • Die Konstante: Die Vorstände wechseln alle acht Jahre (maximale Amtsdauer). Die Bewohner:innnschaft fluktuiert. Der Künstler ist die einzige Person, die sicher über 24 Jahre bleibt. Fast sicher.
  • Der Diskurs: Der konzeptuelle Ansatz stösst weiterhin auf Interesse, führt aber auch zu Missverständnissen und Unverständnis. Das Konzept muss immer wieder erklärt werden, das Gespräch darüber aufrechterhalten.


Fragen, die diskutiert wurden, und Fragen, die offen bleiben:

  • Warum wurde Faulhabers Projekt mit grosser Zustimmung ausgewählt, anstelle eines klassischeren Kunstprojekts? Und würde es heute wieder gewählt werden?
  • Wie kommt dein Projekt bei den Bewohnenden der Kalkbreite an?
  • Was passiert, wenn die Zinsen gegen Null gehen und die „künstlerische Dividende“ in keinem Verhältnis mehr zum Aufwand der Anreise und der Residenz steht? Kann der Vertrag neu verhandelt werden?
  • Ist ein Vertrag, der über 24 Jahre läuft, in einer Genossenschaft, die auf basisdemokratischer Wechselhaftigkeit beruht, noch demokratisch steuerbar?
  • Ist der Künstler hier noch Künstler oder eher ein „Hausgeist“, ein ritueller Gast, dessen Anwesenheit wichtiger ist als sein Output?
  • Ist ein Vertrag, der über 24 Jahre läuft, noch demokratisch steuerbar, wenn die Entscheidungsträger von damals längst gegangen sind?
  • Wenn das Archiv im Tresor liegt und nur in Anwesenheit des Künstlers zugänglich ist: Existiert die Kunst dann für die Gemeinschaft, ist sie sichtbar genug?
  • Ist die wiederkehrende Irritation der Bewohnenden ein unbeabsichtigter Störfaktor oder das eigentliche, gewollte Material des Kunstwerks?
  • Wie sehr verankert sich die 24-jährige Präsenz des Künstlers in der Identität des Ortes?
  • Was passiert mit dem Kapital von 240'000 Franken, wenn es nach 24 Jahren wieder zur Verfügung steht? Und wer entscheidet dann darüber – die Genossenschaft oder die dann aktuellen Bewohner:innen der Kalkbreite?

Teil II: Das Begleit-Programm (Kraftwerk1)

Laufzeit: Mehrjährig, in 3 Phasen unterteilt
Modus: Partizipativ, ephemer, sozial, niederschwellig
Auftraggeber:in: Bau- und Wohngenossenscahft Kraftwerk1

Gegenwärtig ziehen im Zürcher Koch-Quartier bald die ersten Bewohner:innen in den Neubau der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1. Begleitet wird der Einzug, das Ankommen im Quartier und das Zusammenkommen einer neuen Nachbar:innenschaft von vier temporären Kunstprojekten. Sie sind das Resultat einer öffentlichen Ausschreibung und bilden zusammen die zweite Phase des Kunst-und-Bau Programms «Kunst Koch Werk». 

Beobachtungen zum Prozess:

  • Der Vorlauf: Phase 1 dauert schon über ein Jahr. In unterschiedlichen Events, Exkursionen, Performances und Diskussionen haben sich die Genossenschafter:innen dem Thema Kunst und Bau angenähert.
  • Der Zeitpunkt: Phase 2 startet dann, wenn die Bewohner einziehen. Stress, Umzugskartons, grosse Veränderungen, ein neues soziales Gefüge, Selbstorganisation als Siedlungsgemeinschaft... Die Kunst muss mit diesem aufgeladenen Moment umgehen.
  • Die Auswahl: 99 Eingaben auf einen offenen Aufruf. Vier Projekte wurden vom künstlerischen Beirat ausgewählt.
  • Die Projekte:
    • Rhythmus: Gemeinsames Bewegen und Musizieren über ein Jahr.
    • Störung: Kleine, überraschende Aktionen im Alltag (Löwenzahnwolken, Tombola).
    • Reise: Künstler:innen bewohnen die Siedlung wie Tourist:innen („Kreuzfahrt“) und dokumentieren das Fremde im Vertrauten.
    • Wärme: Ein öffentliches Fussbad als Ort der Begegnung und Fürsorge.
  • Die Dokumentation: Jede Aktion wird festgehalten. Nicht als Selbstzweck, sondern als Gedächtnis für etwas, das physisch wieder verschwindet.
  • Die offene Zukunft: Phase 3 ist bewusst offen. Das restliche Budget liegt in der Warteschleife. Die Entscheidung liegt bei denen, die dann wohnen.


Fragen, die diskutiert wurden, und Fragen, die offen bleiben:

  • War soziale Nachhaltigkeit ein Auswahlkriterium des künstlerischen Beirats? Wie erreicht man Menschen, die gerade mit dem Einrichten und Ankommen in der Siedlung beschäftigt sind, mit Kunst?
  • Führt die Vergänglichkeit der Aktionen dazu, dass sie als „nettes Beiwerk“ abgetan werden, oder erhöht sie gerade ihren Wert als besonderer Moment?
  • Wenn die Projekte enden und keine materiellen Spuren hinterlassen: Was bleibt zurück?
  • Wo ist die Grenze zwischen Einladung und Instrumentalisierung? Werden die Bewohner:innen unfreiwillig zum „Material“ der Kunst, wenn sie an einem Workshop teilnehmen sollen, um das Projekt zu füllen?
  • Wer ist das Publikum? Werden jüngere Menschen erreicht?
  • Wer entscheidet in zwei Jahren über das Restbudget für die Phase 3? Der künstlerische Beirat? Die Aktiven, die an Phase 2 teilgenommen haben? Oder diejenigen, die bisher noch zu kurz kamen?
  • Kann ein partizipativer Prozess scheitern, wenn niemand teilnimmt – und ist dieses Scheitern dann auch ein Ergebnis?
  • Warum haben sich die unterschiedlichen Bauträger:innen im Koch-Quartier bezüglich den Kunstprojekten nicht koordiniert? Wäre das überhaupt zielführend oder spannend gewesen?
  • Wird in Phase 3 der Wunsch nach einem „echten“, dauerhaften Objekt (Wandbild, Skulptur) wachsen, sobald die Euphorie des Einzugs verflogen ist?
  • Werden die Bewohner:innen in zwei Jahren entscheiden: „Wir wollen gar keine Kunst, wir wollen ein grosses Fest“? Wo liegt die Grenze zwischen Kunst, sozialer Arbeit und blossem Vergnügen?
  • Können ephemere Projekte überhaupt „Stadtgeschichte“ schreiben, oder verschwinden sie spurlos aus dem kollektiven Bewusstsein, sobald die nächste Baustelle kommt?

Teil III: Die Rahmenbedingungen (Stadt & System)

Wenn die Stadt Zürich neu baut oder umbaut, investiert sie stets einen Teil des Baubudgets in ein Kunst-und-Bau Projekt. Diese Vorgabe macht sie auch Bauträger:innen, die (im Baurecht) auf städtischem Land bauen. Dies ist bei beiden Projekten der Fall: bei der Kalkbreite von der Genossenschaft Kalkbreite als auch bei der Siedlung Koch von Kraftwerk1.

Systematische Beobachtungen:

  • Die Ambivalenz: Die Stadt schreibt vor, Geld in Kunst zu investieren. Gleichzeitig ist Geld im gemeinnützigen Wohnraum immer knapp.
  • Die Folge: Ohne die städtische Vorschrift würde Kunst oft wegfallen. Sie steht in Konkurrenz zur Bausubstanz, zur Isolierung, zu günstigen Mieten.
  • Die Statuten: In den meisten Genossenschaftsstatuten ist Kunst nicht verankert. Sie hängt am politischen Willen des jeweiligen Vorstands.


Fragen, die diskutiert wurden, und Fragen, die offen bleiben:

  • Wenn die Stadt die Vorgabe aufheben würde: Würde eine Genossenschaft freiwillig 1–2 % der Bausumme in Kunst investieren?
  • Sollte Kunst zwingend in den Statuten verankert werden, um sie vor der Sparsamkeit künftiger Vorstände zu schützen?
  • Wer profitiert mehr: Der Künstler, der über Jahre finanziert wird? Oder die Genossenschaft, durch den entstandenen künstlerischen Mehrwert?
  • Wenn in 20 Jahren niemand mehr weiss, was das Fussbad oder der Saugroboter bedeutete: War das Geld dann „verbrannt“ oder trotzdem gut investiert?

Zwei Modelle. Das eine setzt auf Zeit und Vertrag (Kalkbreite): Kunst als langfristige Verpflichtung, unsichtbar, konzeptuell, riskant. Das andere setzt auf Moment und Teilhabe (Kraftwerk1): Kunst als begleitendes Ereignis, sichtbar, sozial, offen. Beide Modelle brechen mit der Idee des „Objekts“. Beide Modelle verlassen sich darauf, dass etwas entsteht, das man nicht anfassen kann. Beide Modelle wissen nicht genau, wie es ausgeht.

Wie wird man auf die Projekte zurückblicken? Als Extravaganz, als lohnendes Experiment, als künstlerscher Wert oder als Investition in die Gemeinschaft?

Mehr Informationen:

Weitere Informationen finden sich in der Einladung zu diesem Anlass. 

Einladung

Was es mit dem «Kunst Koch Werk» auf sich hat und warum sich Kraftwerk1 bei der Siedlung Koch überhaupt mit Kunst beschäftigt, erklären wir auf der Projekt-Seite. Dort finden sich auch die Einladungen und Dokumentationen aller bisherigen Anlässe. 

Kunst Koch Werk