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Die Gruppe versammelt sich im feuchten Acker der Schule Freilager. Wolken ziehen über den Himmel, dazwischen wirft die Sonne Lichtsprenkel auf den Boden. Über dem Schrebergarten nebenan weht eine Flagge im Wind. Junge Bäume säumen das Areal. Hier, unter den Füssen der Gruppe, wächst Löwenzahn, daneben Korbblütler, Storchschnabel, Spitzwegerich, Schafgarbe, Weissklee und Gras. Zehn Meter weiter sitzt eine Schimpansenfamilie. Drei grosse Affen, ein mittelgrosser, im Kreis zwei kleine.
Wir bauen ja ganz nah von da unsere vierte Siedlung. Zum ersten Mal im Baurecht der Stadt, deshalb machen wir Kunst und Bau. Aus der Tradition von Kraftwerk1 machen wir das nicht in Form von einem oder zwei grossen Kunstwerken, sondern in Form von Begehungen, Workshops, partizipativen Prozessen…
Die Schimpansenfamilie sitzt starr, die Gruppe lauscht der Einführung.
…der Kunst-und-Bau-Prozess wird begleitet vom künstlerischen Beirat, der die Qualität sichert…
Kinder springen, laufen umher, flitzen über das Freilagerareal auf Velos und Trottinetts.
Christiane wird uns durch die Kunst-und-Bau-Projekte führen, die es hier in der Umgebung schon gibt
Christiane Rekade Previdi von der städtischen Fachstelle Kunst und Bau des Amts für Hochbauten ergreift das Wort, sagt
den Mutigen gehört die Welt
und deutet auf die regenschweren Wolken. Christiane erzählt, dass es bemerkenswert sei, dass die Gruppe auf der kurzen Wanderung, die ihr bevorstehe, schon acht Kunstwerken begegnen könne, das spreche für Kunst und Bau. Christiane erklärt, dass die Fachstelle Wettbewerbe organisiere, Künstler*innen einlade, und mit Künstler*innen, Architekt*innen, Nutzenden und Bauleuten zusammenarbeite und zu den fast tausend Kunstwerken, die betreut werden müssen, gäbe es auch ein Archiv online. Drittens sei Christiane verantwortlich für die Vermittlung. Für Führungen wie diese. Dann sagt Christiane
gehen wir näher heran
und bedeutet der Gruppe, sich zur Schimpansenfamilie zu verschieben.
die beissen nicht,
Es kichert aus der Gruppe. Die Gruppe nähert sich an.
Die Künstlerin hat hier einen klassischen Bronzeguss gewählt,
Während die Vermittlerin spricht und die Gruppe sich um die Affen schart, klettert ein Kind auf den Affenkörpern herum, geht von einem Schimpansen zum nächsten, schaut ihn an.
und die Affen haben Augen, damit die Kinder wirklich mit ihnen interagieren können –
Die Gruppe steht vor der Arbeit «Anthropozän» von Joelle Flumet.
Gibt es für das ein Budget? Und wie sind sie verankert?
Ja. Hier war es 170'000 Franken für die Produktion und Arbeit. Sie haben ein Betonfundament,
sagt Christiane, und fügt an:
als wir sie installiert haben, kamen die Kinder alle sofort, deshalb hat es das Gras hier schwer.
Auf der quadratischen Fläche, in der die Schimpansenfamilie sitzt, wächst das Gras tatsächlich zaghafter. Die Gruppe nickt.
Gehen wir weiter,
sagt Christiane. Ein Teil der Gruppe geht mit, der Rest kniet runter, streckt die Arme den Affen entgegen, um auf Augenhöhe ein Foto zu machen. Verzettelt schlendert die Gruppe zum nächsten Posten im Innern der Schule Freilager und kommt im Eingangsbereich vor einer hohen Wand aus zwanzig Schiefertafeln zum Stehen. Die Gruppe steht vor «The Gate of All Nations» von Leila Peacock. Auf der obersten Tafelreihe prangen Fabelfiguren aus Kreide in einer Umgebung aus Text und Ornamenten. Sie sollen die Eingänge als Schutzzeichen symbolisch aufladen. Auf den Tafeln unter den Schutzwesen ist die Kreide in grossen Armbewegungen verwischt.
Die Arbeit besteht aus drei «Toren», an allen Eingängen der Schule. Gehen wir doch gleich zum nächsten.
Die Gruppe folgt Christiane zum nächsten Tor.
Die drei Tore werden alle drei Jahre von der Künstlerin neu bespielt. Darunter zeichnen die Schüler*innen nach dem Prinzip des Cadavre Exquis ihre eigenen Wesen. Wie Sie sehen: Das mit der Partizipation klappt so lange, wie die Künstlerin da ist. Partizipative Projekte sind zweischneidig, es braucht jemanden, der diese bis zum Schluss begleitet…
Im zweiten Bild steht: «I do», «I undo», «I redo».
Jetzt müssen wir wirklich, der Abwart hat mir gesagt, er mache automatisch die Türe zu!
Die Gruppe geht zum dritten Tor, schaut hoch, blickt auf die Schutzwesen. Im Schwimmbad hinter der Gruppe herrscht fröhlicher Betrieb. Christiane dreht sich um und schreitet durch die Glastür nach draussen. Dicke Tropfen fallen. Die Gruppe versetzt sich in Bewegung und sucht nach dem nächsten Kunstwerk.
Wir sind auf dem Weg zum Gesundheitszentrum für das Alter Bachwiesen, wo wir zwei
Arbeiten im Aussenbereich und eine im «Raum der Stille» sehen werden.
Draussen ist tatsächlich eine Arbeit auf dem Asphalt. Barbara Mühlefluhs «Spots»; Kreise voller gelber Punkte, aufgemalt mit Markierungsfarbe, die gleiche wie für Fussgänger*innenstreifen.
Der Abwart hat mir gesagt, es sei schwierig mit dem Schneepflug,
sagt Christiane
weil man nicht sieht, wo die Punkte sind, deshalb hat er die auch ein paarmal abgekratzt. Dann mussten die neu aufgemalt werden.
Die zweite ist eine «Stele mit verschiedenen Reliefs» von Hans Brandenberger, die etwas versteckt hinter Büschen und einem Baugerüst steht. Im Gesundheitszentrum für das Alter Bachwiesen steht ein grosses Aquarium und ein Schild begrüsst die Gruppe mit «Ihr neues Zuhause bei uns?» Die Gruppe steigt eine Treppe herunter zum Raum der Stille. Sie findet eine zweiteilige Arbeit von Marianne Kuhn ohne Titel. An der Aussenfassade des Raums ein buchgrosser Block Grafit, im Raum eine Wandmalerei aus Grafit und Rötel. Im Raum der Stille tuschelt die Gruppe.
Gehören die Mohnfelder dazu?
Christiane blickt zu den Mohnfeldpostern, die im Eingang und im Raum hängen.
Nein, die gehören nicht dazu, es ist dieser Grafitblock und drinnen die Wand aus Grafit und Rötel.
Im Wandregal im Raum der Stille stehen Bibeln, ein Koran, Duftstäbchen, noch ein Mohnbild. Die Sessel sind in warmes Licht getaucht, der Raum surrt ein tiefes Surren.
Das GZA Bachwiesen wird saniert, dieser Teil ist sechzig Jahre alt –
– ui!
– und der andere ist aus den 2000ern. Die Grafitwand, in die kann man versinken. Man sieht die Schichten, die die Künstlerin von Hand in die Wand eingearbeitet hat. Aber den Bewohnenden war die Wand zu dunkel, also hat das Personal mit den Mohnfeldern nachgeholfen. Und den Grafitblock fassen die Leute gerne an, dann merken sie aber, dass sie den Grafit nicht an den Fingern wollen und streichen ihn an der Wand ab. Die Wand musste schon ein paar Mal neu gestrichen werden. Jetzt wird dieser Teil des Gebäudes aber ersetzt, und wir haben uns gefragt, wie kann man die Arbeit umplatzieren? Der Grafitblock wird umgezogen, zur Wand haben wir entschieden, dass sie rückgebaut wird, also zerstört.
Die Gruppe schaut sich an, schaut auf die Grafitwand. Wieder draussen sagt Christiane, es sei ein neues Kunst-und-Bau-Projekt in Planung, das mit der Sanierung umgesetzt würde: Die Arbeit «Drunter und Drüber. Ein neues Zuhause für Ziegen und Hasen» von Ana Strika und Esther Kempf. Sie sähe ein artgerechteres Gehege für die Ziegen und Hasen vor, die jetzt schon zusammen mit Koifischen auf der anderen Seite des GZA wohnen. Insbesondere für Demenzkranke seien die Tiere wichtig, aber die Künstlerinnen hätten festgestellt, dass das Gehege gar nicht super für die Zeigen und Hasen sei. Die Leute murmeln, sagen
mhm-mhm
und schreiten zum nächsten Posten. Über dem Polysportfeld klingt heiteres Gekreische. Zwei Kinder stoppen die Letzten der Gruppe.
Was macht ihr?
Wir schauen Kunst an!
Wo schaut ihr Kunst an?
Da, kennt ihr die Affen?
Ja.
Und im Schulhaus die Wandbilder.
In unserem Schulhaus? Dürft ihr das?
Weiter. Christiane stoppt am Gemeinschaftszentrum Bachwiesen. Am Gemeinschaftszentrum hängen zwei Werke aus den sechziger Jahren.
und da sieht man, wie sich das Verständnis geändert hat – von Kunst am Bau zu Kunst und Bau. Kunst am Bau gibt es schon lange, z.B. von Giacometti oder Wandmalereien. Als ich 2020 diesen Job anfing, hiess es in unserem Programm immer noch «Künstlerischer Schmuck», dabei gab es in der Zwischenzeit Entwicklungen wie die Konzeptkunst und die Performancekunst…
Die Gruppe schaut auf «Drei Scheiben in Gelb und Grau» von Lea Zanolli. Es sind drei Betonscheiben, mit grauen und gelben Mosaikstücken beklebt, die an der Fassade hängen. Die Gruppe geht weiter. Sie kommt vor einem Relief zum Stehen. Das Werk von Idy Latscha zeigt drei Amazonen aus Stein, die in die Wand eingebaut zum Eingang schauen.
…hier konnte ich nicht herausfinden, ob das eine Auftragsarbeit war oder ob dieses Werk angekauft wurde…
Es regnet.
Nun, wenn Sie einen Schirm haben, gehen wir weiter –
Die Gruppe biegt ein auf einen Weg neben dem dicht bewachsenen Schrebergarten und die fallenden Regentropfen blitzen auf in der Sonne. Die Gruppe biegt ab, einem trockenen Bachbett entlang, links immer noch der Schrebergarten. Die Gruppe geht über Brücken auf dem Mathysweg, zum Eingang eines grossen, neuen Gebäudes, über dessen Eingang «MATHYSWEG» steht. Im Eingangsbereich steht « Herzlich willkommen im Gesundheitszentrum Mathysweg», Schilder weisen zu:
Coiffeur | Podologie
Gesundheit | Fitness
Physiotherapie
Weiter im Innern öffnet sich ein Lichthof gegen oben. Unter dem hellen Dach hängen Kokons aus geblasenem Glas in rot, orange, gelb, pink. In einem weiteren Lichthof hängen mehr Kokons, dort überwiegen Grün-, Blau- und Brauntöne.
Das ist Pedro Wirz’ Arbeit «Pupa»,
sagt Christiane
es ging dem Künstler um den Zyklus von Leben und Verwandeln. Jeder einzelne dieser Kokons ist handbemalt, und für die Farbverläufe hat sich der Künstler von den prachtvollsten Schmetterlingen der Natur inspirieren lassen
Die Farben seien auch zur Orientierung angeordnet – dort rot, hier grün – damit die Bewohnenden sich, wenn sie sich umsähen, orientieren können. Die Gruppe legt die Köpfe in die Nacken, sagt
wuah
aah
Werden die geputzt?
Christiane antwortet
Bisher nicht, wahrscheinlich müsste jeder einzelne heruntergenommen werden
Die Gruppe verweilt unter den Kokons.
Es ist wunderschön.
Christiane schaut sich um, atmet aus und streckt die Hände vor sich, sagt
Mit diesen zukünftigen Schmetterlingen sind wir am Ende angekommen, danke. Haben
Sie noch Fragen?
Die Gruppe schaut sich an.
Wie kommt man am schnellsten zum Bus?