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Kkw3 foto britta liv mueller

05.03.2026

Neue Perspektiven auf die Baustelle dank performativer Erkundung

Ende Februar fand der dritte Anlass in der Reihe «Kunst Koch Werk» statt, unserem Kunst und Bau Projekt für die Siedlung Koch.

Beim performativen Erkundungs-Workshop rund um die Baustelle der Siedlung Koch luden die Kunstschaffenden Britta Liv Müller und Philip Neuberger dazu ein, den Ort mit allen Sinnen zu entdecken. Während sie die Teilnehmenden zum Aufwärmen über eine Treppe in der Kohlenlagerhalle «dirigierten», vermittelten sie zugleich Hintergründe zur Siedlung, zum Bauprojekt und zur Geschichte des Ortes.

Im weiteren Verlauf öffnete sich ein vielschichtiger Zugang zur Baustelle: Die Gruppe lauschte einer Klanginstallation aus aufgenommenen Baustellengeräuschen und experimentierte anschliessend mit vor Ort gesammelten Baumaterialien, aus denen neue Klänge und kleine skulpturale Arrangements entstanden. Durch Öffnungen im Bauzaun wurde der entstehende Ort aus ungewohnten Perspektiven betrachtet, bevor die Teilnehmenden imaginäre Wünsche im Baugrund «vergruben» – in Anlehnung an die frühere Baustellentradition, bei der Glücksbringer oder Botschaften für das entstehende Gebäude hinterlassen wurden. Zum Abschluss wurden filmische Sequenzen von der Baustelle gezeigt, bevor sich die Gruppe an einem mobilen Baustellen-Heizschlauch wärmte und den Abend bei einem Getränk ausklingen liess.

Der Workshop eröffnete neue Perspektiven auf die entstehende Siedlung und zeigte, wie eine Baustelle zum Experimentierfeld für Wahrnehmung, Körper und Imagination werden kann.

[ Titelbild von Britta Liv Müller, Bilder unten von Anna-Katharina Ris ]
 

Was ist das «Kunst Koch Werk» und warum beschäftigt sich Kraftwerk1 überhaupt mit Kunst und Bau? Mehr dazu hier.

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Künstlerische Dokumentation

Das «Kunst Koch Werk» wird laufend von Künstler:innen dokumentiert. Für diesen Anlass hat Smilla Diener sich Notizen gemacht und folgendes Protokoll erstellt: 

Smilla Diener hat einen Bachelor in Industrial Design und einen Master in Kulturpublizistik. In Form von Text, Audio, Video, Interventionen, Moderation, Konzepten und Strategien prüft Smillas Arbeit, wie wir mit Dingen und Sprache ein lebenswertes Heute und Morgen gestalten.

Schau, meine Schuhe sind die zwei Blöcke 
Protokoll / Smilla Diener

 

Text
Bruce und Philip tragen orangene Implenia-Westen und orangene Helme. Sie stehen unter dem alten Kohlenhalledach, leuchten orange in die Dämmerung und schütteln Ankömmlingen die Hände, sagen
Ich bin Bruce, ich bin Philip. Hallo – hoi,
um die Westen bildet sich eine Gruppe.
musst du meinen Namen wissen?
Die Gruppe wächst.
Nein, ist ja alles freiwillig.
Mehr Leute erscheinen aus der Dämmerung, den Nebenstrassen, aus den spärlich belaubten Büschen. Die Gruppe wächst. Viele Leute kennen sich.
– solange ich mich nirgends abseilen muss…
Philip entfernt sich von der wachsenden Gruppe, checkt etwas auf einem Materialhaufen, Bruce dreht sich um, verschränkt die Hände, sagt
Hallo zusammen, hallo,
sagt
schön seid ihr da.
Auf der Baustelle brennt Licht auf dem ersten, zweiten und dritten Stock. Es sind kalte LED-Lichtgirlanden, die die Stahlrohre und den nackten Beton weiss erleuchten.
Hallo miteinander,
Bruce und Philip nicken lächeln unisono, aus der Gruppe wurden Gruppen, aus denen immer wieder Leute mit ausgestreckten Armen aufeinander zuschreiten und die Hände schütteln.
Ich hätte es schon gefunden, aber nicht auf diesem Weg, – musst du auch was machen? – nein, nein, nur am Anfang etwas ansagen –
Die Gruppe fasst nun dreiundzwanzig Leute.
– ah, wirklich?
Leute tauchen aus den Büschen und Nebenstrassen auf,
Warten wir noch 2 Minuten,
das Abendviolett weicht einem hellblau-anthrazitgefleckten Himmel.
Ich begrüsse euch herzlich bei der dritten Veranstaltung von Kunst Koch Werk,
die Gruppe rückt zusammen, die Begrüssungen und Gespräche ebben ab,
unser Gebäude ist hinter euch,
die Gruppe dreht sich zum Bau,
es ist hundertzehn Meter breit, dreiundvierzig Meter tief und neunundzwanzig Meter hoch, es hat acht Geschosse,
die Gruppe schaut den acht Geschossen entlang aufwärts.
Das sind Philip und Bruce.
Bruces Weste schwingt mit Bruces Armen mit, die Richtung Kohlenhallefassade zeigen,
wir machen jetzt eine Aufwärmübung,
wo zwei Treppen unter dem Dach ein Dreieck formen. Abwechslungsweise sprechen Philips und Bruces Stimmen durch ein Megafon und schwallen blechern an die Kohlenhallefassade, die Gruppe kichert und folgt den orangenen Westen von links nach rechts und zurück, wandert auf dem Treppendreieck auf und ab.
…nach der Räumung bei Minusgraden sind viele neue Besetzungen im Raum Zürich und der Schweiz entstanden, wovon viele auch gleich wieder geräumt wurden,
Hinter der Kulissenwand rauscht die Strasse. Bruce bittet die Gruppe, sich wieder zu ihr herunterzubegeben. Die Gruppe geht entlang der Baustellenfassade und streckt sich. Bruces Megafonstimme schwallt nach vorne, nach hinten schluckt das Stadtrauschen schabende Tramräder auf den Schienen und plätscherndes Wasser ihre Worte. Der Bau streckt sich vor ihnen in den Himmel. Die Gruppe dreht sich zu Bruce und Philip, dreht sich zum Bau.
Wo wäre euch am wohlsten? Wo würdet ihr wohnen wollen?
Die Gruppe wird zu kleinen Untergruppen, die tuscheln und diskutieren, einige Zeigefinger zeigen in die gerüstverstellte Wand.
Wo ist Süden? Wo ist Norden? Wo ist der Sonnenuntergang?
Eine Person sagt
Schau, meine Schuhe sind die zwei Blöcke, und hier sind die zwei Strassen,
und winkt mit flachen Händen an den Schuhen vorbei, um die Strassen neben den Schuhen anzudeuten. Es ist Halbmond. Sterne und Satelliten leuchten zwischen den Wolken. Der Wind streicht durch die Büsche und trägt ein bauchiges Plätschern von der Baustelle zur Gruppe. Philip und Bruce stellen zwei handgrosse Speaker in die Gruppe, die verstreut auf Steinbrocken sitzt, drücken Play.
Schsch schsch schch chchchkr kr schschkrschkrrrrr kkkkkkkkkkkkkkkkkk he! zs ts zs ts zs zsssssss hschschchchk he! ssssssss rrrrr poc poc poc sssssssssssuiiiiiiiiiuuuuuuussss
Etwas quietscht, etwas knackt. Kirchenglockenschläge wogen von Süden zur Gruppe.
Uuuuiiiiiiiiii kkkruiissssssssssssss pac pac pac ssssssssssss ssssssssssss ssssss ssssssssssssss
Die Gruppe lauscht dem Baustellenbetrieb. Eine Person guckt über die Abdeckung auf den stillen Bau.
rrrrrrrrr d rrrrrrrrr d rrrrrrrrr d rrrrrrrrr d rrrrrrrrr d rrrrr.
Das Audio endet.
Kommt schauen, was wir euch von der Baustelle mitgebracht haben,
dreiundzwanzig Schuhpaare knirschen im Kies. Im dem Licht unter dem Kohlenhalledach sammelt sich die Gruppe um eine Auslegeordnung aus Holzbrettern, Röhrenteilen, Schlauchstücken, Dämmaterial, Packmaterial. Eine Person pfeift durch einen Schlauchabschnitt,
ouh, das hätte ich jetzt nicht erwartet,
Bruce dreht sich, die orangene Weste schwingt auf,
genau, wie klingt es, macht es einen Ton?
Die Gruppe reibt, schlägt, hämmert mit ihren Materialstücken, lässt sie klappern, scheppern, scheuern, quietschen.
…lebendige Skulpturen, versucht, auch die Baustelle im Hintergrund mitzudenken,
die Menschen strecken ihre Materialstücke von sich, verbinden sich mit den Mitbringseln, fotografieren einander.
Tac,
ein Stück Dämmaterial bricht.
So, jetzt platzieren wir uns wie Frösche um einen Teich,
sagt Bruce, und die Gruppe sucht nach Löchern in der Baustellenabdeckung und stellt sich an, alle miteinander durch das gleiche Loch auf den Bau zu schauen.
Die Gruppe, ragt vom Baustellenabdeckungsloch über das Trottoir in die Strasse hinaus, so dass der Bus 89 eine Ausweichkurve fahren muss. Ein Taxifahrer bremst, um zu sehen, was die Gruppe im Loch sieht.
Die Gruppe blickt an der Fassade entlang hoch, folgt dem Lichtkegel von Philips Taschenlampe.
Früher wurde auf Baustellen etwas in den Torbogen einbetoniert, eine Medaille, eine Münze, Salz, ein Dokument,
die Augen der Gruppe folgen dem Lichtkreis in der Baustellenfassade,
was würdet ihr einbetonieren?
Es ist Nacht. Die Gruppe schlendert zurück unter das Kohlenhalledach.
Hast du schon mal eine Wohnung besetzt?,
das «Kohlen KOCH Heizoel»-Schild leuchtet rot Richtung Bau. Philip projiziert einen Baustellenfilm an einen Betonzylinder. Im Film ist es Tag. Der Wind zieht durch die schweigende Gruppe, die mental im Film ist und über das Gerüst spaziert, mitgeht, den Blick schweifen lässt. Im Hintergrund schreitet Bruce die Halle ab, zieht an einem Kabel. Die Leute legen ihre Köpfe zur Seite und schauen den Film, zucken zusammen, als ein Auto hupt. Philip steht starr da, seine zitternde Hand hält den Beamer, schaukelt das Bild.
Der dicke Schlauch ist eine Pelletheizung,
die Gruppe dreht sich um,
die haben wir euch hier mit einem Föhn installiert, wer will,
Bruce deutet auf einen dicken Plastikschlauch, in den vom einen Ende ein Föhn heisse Luft bläst,
kann sich für einen Moment an ihr halten, so,
Bruce deutet eine Umarmung an.

Drüben gibt es Getränke.
Die Gruppe wird zwei.

 

Mehr Informationen:

Weitere Informationen finden sich in der Einladung zu diesem Anlass. 

Einladung

Smilla Diener hat einen Bachelor in Industrial Design und einen Master in Kulturpublizistik. In Form von Text, Audio, Video, Interventionen, Moderation, Konzepten und Strategien prüft Smillas Arbeit, wie wir mit Dingen und Sprache ein lebenswertes Heute und Morgen gestalten.

Was es mit dem «Kunst Koch Werk» auf sich hat und warum sich Kraftwerk1 bei der Siedlung Koch überhaupt mit Kunst beschäftigt, erklären wir auf der Projekt-Seite. Dort finden sich auch die Einladungen und Dokumentationen aller bisherigen Anlässe. 

Kunst Koch Werk