Als die Siedlung Hardturm vor rund 25 Jahren entstand, wurden die Aussenräume nicht bis ins letzte Detail gestaltet. Das Geld war knapp und die Bedürfnisse der Bewohnenden sollten sich zuerst entwickeln können. Mit der Zeit wurde jedoch deutlich, dass es Potenzial für Weiterentwicklungen gibt: Der Eingangsbereich wirkte wenig einladend, viele Flächen waren versiegelt, es gab viele Autos und die grosse Dachterrasse war karg, heiss, windig und schwierig zu begrünen.
Im Rahmen des Projekts «Ha! Hardturm auffrischen» wurden deshalb in einem langjährigen, partizipativen Prozess neue Ideen entwickelt. Ziel war es, bestehende Qualitäten zu stärken und mehr Raum für Biodiversität und Begegnung zu schaffen.
Anpassungen im Hof: Pantoffelbar verschmilzt mit Aussenraum
Ein wichtiger Teil der Umgestaltung betrifft den Bereich vor dem Haus: Wo früher Parkplätze den Weg versperrten, wurden Beläge aufgebrochen, neue Substrate angebracht und heute wachsen dort Stauden. Dafür notwendig war ein neues Mobilitätskonzept. Auch Velos wurden effizienter parkiert, wodurch Fläche für Bäume, Sitzbereiche und Wege frei wurden. Der Haupteingang wurde von der einen auf die andere Seite versetzt. Nämlich dorthin, wo die Menschen ein- und ausgehen. Dort gibt’s nun auch im Eingang Begegnungsflächen, die runden Bänkli laden zum Schwatz ein. Die Pantoffelbar öffnet sich heute direkt zum Aussenraum und schafft fliessende Übergänge zwischen innen und aussen.
Dachgarten ist nun eine Oase mit Pflanzbeete aus Recycling-Bodenplatten
Besonders sichtbar ist die Veränderung auf dem Dach. Aus der ehemaligen versiegelten Fläche, die etwas an eine Betonwüste erinnerte, entstand ein vielfältiger, diverser Dachgarten: Zwischen den Aufbauten führen unversiegelte Wege durch unterschiedlich hohe Pflanzbecken mit Zier- und Obstgehölzen, Stauden, Kräutern und Gemüsebeeten. Die Hochbeete und Trockenmauern bestehen aus den ehemaligen Betonbodenplatten, die aufgeschichtet und mit Holzbalken als Sitzflächen ergänzt wurden; Lücken in den Mauern dienen dem Wasserabfluss und bieten Tieren Unterschlupf. Hitzeresistente, trockenheitsliebende Pflanzen sorgen für mediterrane Stimmung und helfen mit, das Haus zu kühlen. Das Regenwasser wird in den Pflanzflächen zurückgehalten und kann langsam verdunsten. Zusätzlich giessen engagierte Bewohnerinnen und Bewohner regelmässig (aber deutlich weniger als früher!) – so bleibt der Garten auch in heissen Sommern vital.
Jetzt, im zweiten Sommer nach der Fertigstellung, zeigt sich, dass die Ideen Realität wurden.
Alles bleibt auf dem Areal, alles bleibt im Kreislauf
Die neu entstandenen Grünräume werden nicht nur genutzt, sondern auch sorgfältig weiterentwickelt. Dabei spielt die Arbeitsgruppe Aussenraum sowie «Lolo» eine wichtige Rolle: Als Brachenwart des Hardturm-Areals und langjähriger Aussenraumpfleger begleitet er die Pflege und Entwicklung der Anlagen mit viel Wissen über Biodiversität, natürliche Kreisläufe und standortgerechte Begrünung. Sein Credo ist «Alles bleibt auf dem Areal und wird wiederverwertet». Er legt Totholzhaufen an, betreut verschiedene Kompostsysteme und stellt aus Holz Pflanzenkohle her. So entstehen wertvolle Nährstoffe, die wieder in den Boden zurückgeführt werden. Die Aussenraumgruppe organisiert regelmässig Veranstaltungen, wie z.B. der Baumschnittworkshop jeweils im Frühling.
Welche Erfahrungen können wir weitergeben?
Das Projekt zeigt, wie auch aus bestehenden Strukturen qualitativ hochwertige Freiräume entstehen können. Die Siedlung Hardturm ist heute von einem grünen Rahmen aus Dachgarten und Hof umgeben, der das Mikroklima verbessert, Regenwasser zurückhält und die Artenvielfalt fördert. Gleichzeitig bietet er neue Treffpunkte.
Nur das Dach des neuen doppelstöckigen Velopavillons wurde noch nicht angeeignet. Vielleicht muss die Begrünung erst noch wachsen, bevor es angenehm ist, dort oben zu sitzen.
Das «Nichtfertigbauen» entwickelte sich zu einem Kraftwerk1-Verständnis
Dieses «Nichtfertigbauen» war damals in der Siedlung Hardturm bestimmt auch Not statt Tugend, weil das Geld fehlte und der Aussenraum noch keine so grosse Priorität hatte. Zudem musste das Vorhaben in einen bestehenden Gestaltungsplan «eingepasst» werden, und es waren kaum Erfahrungen vorhanden beim Entwickeln eines solchen Pionierbaus.
Es mussten pragmatische Wege gegangen werden, die künftigen Bewohner:innen gingen Kompromisse ein.
Das selbstorganisierte Aneignen von Gemeinschaftsflächen hat sich jedoch zu einem Selbstverständnis von Kraftwerk1 entwickelt: Denn auch mit der mittlerweile grösseren Erfahrung wollen und können wir das Verhalten der künftigen Mietenden nicht voraussagen. So bauen wir auch heute die Gemeinschaftsflächen − draussen, wie drinnen − nicht fertig. In der Siedlung Koch gibt es z.B. vier Räume, die von den künftigen Bewohnenden selbst bespielt werden, sobald sie gemeinsam und in Selbstorganisation bestimmen, wo was stattfinden soll. Auch die Finanzierung übernehmen die Bewohnenden selbst, mittels Spiritgelder, die sie monatlich zusätzlich zur Miete bezahlen.
Und was ist «Ha! Hardturm Auffrischen»?
«Ha!» war keine Renovation. Es war eine Auffrischung auf verschiedenen Ebenen. Wie eingangs erwähnt, war das Budget im Bau klein und noch keine Erfahrung über künftige Nutzung da, man ging Kompromisse ein. Die Bewohnenden haben sich deshalb über die letzten Jahre intensiver mit den bestehenden Nutzungen, mit ihren veränderten Bedürfnissen und ihren Ansprüchen an die Gemeinschaftsflächen und -räume auseinandergesetzt und so das Projekt partizipativ lanciert.
Es wurde einiges «aufgefrischt», Räume wurden getauscht oder neu genutzt, der Aussenraum wurde umgestaltet und der Dachraum vergrössert sowie schalltechnisch verbessert. Die Umbauten haben im Spätsommer 2022 begonnen und haben rund ein Jahr gedauert.
Der Entscheid für «Ha!» war äusserst knapp
Der partizipative Prozess hat mehrere Jahre gedauert. Trotzdem hat das Projekt beim finalen Entscheid an der Hausversammlung nur eine sehr knappe Mehrheit erhalten. Dieses sehr knappe Resultat hat einige Bewohnende verärgert und andere dazu angeregt, darüber nachzudenken, wie grosse Gruppen besser abgestützte Entscheide erzeugen könnten.
Die Geschäftsstelle und der Vorstand haben ähnliche Herausforderungen, bedingt jedoch durch Wachstum von einer auf bald vier Siedlungen und hat sich deshalb entschieden, die soziokratische Kreisstruktur als Organisationsform einzuführen. Siedlungsdelegierte entscheiden mit und wir erhoffen uns damit bessere Abstützung von Entscheidungen an der Basis.
Ob die Siedlungen ihre Selbstorganisation auch umstellen werden, liegt in ihrem eigenen Ermessen.
Auf der Webseite des Büros ORT Landschaftsarchitektur gibt es einen spannenden Artikel zur Umgestaltung der Aussenräume. Hier online oder als pdf. Zudem hat das Hochparterre berichtet und in Kürze erfolgt ein Bericht im Wohnen.