Die Siedlung Hardturm: Von der Idee zum Pionierprojekt
Das Projekt zeigt, wie mutige Ideen, Beteiligung und ungewöhnliche Architektur neue Wohnformen hervorbrachten – in einem Quartier, das lange als unbewohnbar galt.
Das kam so und ist natürlich eng mit der Gründung der Genossenschaft 1995 verbunden.
Vision ohne Boden
1993 entwarfen die späteren Genossenschaftsgründer:innen die Vision eines grossen, gemischten Wohnprojekts in Zürich-West «Projekt für das Sulzer-Escher Wyss Areal. Die Standortsuche war schwierig: Banken und Förderinstitutionen hielten das Vorhaben für zu riskant. Wohnen im Industriegebiet galt als unrealistisch.
Das Grundstück, das alles veränderte
Das Areal an der Hardturm- und Förrlibuckstrasse war ursprünglich für Büros und Kleinwohnungen geplant. 1995 wurde dazu ein rechtskräftiger Gestaltungsplan erstellt, entworfen von Stücheli Architekten. Nach dem Konkurs der Marti Bau AG übernahm die Oerlikon Bührle Immobilien AG das Grundstück. Wegen der grossen Gebäudetiefe und der Lage wurde das Projekt nicht weiterentwickelt – bis Kraftwerk1 Interesse zeigte. In Gesprächen prüfte man, wie der bestehende Gestaltungsplan für eine andere Nutzung angepasst werden könnte.
Ja trotz Widerstand
Am 15. August 1998 stimmte die Generalversammlung dem Projekt zu – trotz Kritik am Standort und an der Zusammenarbeit mit Oerlikon Bührle, die wegen ihrer früheren Rolle im Waffenhandel umstritten war.
Noch im selben Jahr wurde das Baugesuch eingereicht, 1999 begann der Bau, 2001 zogen die ersten Bewohner:innen ein.
Finanzierung in letzter Minute
Die Kosten von rund 50 Millionen Franken konnten dank eines privaten Darlehens gedeckt werden – kurz bevor das Projekt zu scheitern drohte.
Bauen als Experiment
Das zentrale Wohnhaus war wegen seiner 20 Meter Gebäudetiefe eine grosse Herausforderung. Die Architekten Bünzli Courvoisier, zusammen mit Stücheli Architekten und Kraftwerk1, entwickelten dafür ein neues Konzept: ein breiter Wohnungsmix, flexible Grundrisse. Dazu weniger Parkplätze, ökologische Bauweise und ein einfacher Ausbaustandard.
Besonders wichtig war die Idee der «Suite»: Wohngemeinschaften für 20 – 25 Personen, die aus mehreren Wohnungen verbunden werden können.
Um die grosse Gebäudetiefe gut zu nutzen, wurden zwei Wohnungstypen kombiniert:
Loos-Typ: Mit überhohen Wohnräumen auf der einen Hausseite, verbunden durch kurze interne Treppen mit den Zimmergeschossen auf der anderen Seite
Le-Corbusier-Typ: mit einer «rue intérieure» auf jedem dritten Geschoss, von der aus Wohnungen erschlossen werden.
So entstanden gestapelte Maisonetten und Kleinwohnungen, die trotz Verdichtung Offenheit und Licht bieten. Dies ergab einen vielfältige Wohnungsmix, der auf engem Raum viele Bedürfnisse abdeckt – ein klares Zeichen gegen Einheitsbauweise.
Lebendige Vielfalt
Heute leben rund 250 Menschen in der Siedlung. Gemeinschaftsräume, die Pantoffelbar und Gästezimmer wurden in Selbstorganisation bespielt und machen sie zu einem lebendigen Ort. Von Anfang an waren Wohnungen für Menschen mit Behinderung und Familien mit Migrationsgeschichte Teil des Konzepts.
Partizipation als DNA von Kraftwerk1
Gerade in der Planung der ersten Siedlung war Mitbestimmung die zentrale Ressource: Mitgliedergruppen erarbeiteten das Grundgerüst für die spätere Umsetzung und das spätere Zusammenleben: ökologische Standards, Nutzungsmodelle, gemeinschaftliche Angebote. Dieser partizipative Prozess war aufwändig, brachte aber ein hohes Mass an Identifikation und eine Kultur des Dialogs hervor, die Kraftwerk1 bis heute prägt.
Das «Nichtfertigbauen» ist heute ein Selbstverständnis von Kraftwerk1
Viele Gemeinschaftsflächen wurden mangels Budget offen gelassen, aber auch um Platz für spätere Ideen zu bieten. Dieses «Nichtfertigbauen» hat sich zu einer Haltung von Kraftwerk1 entwickelt.
2023 /2024 wurde die Siedlung «aufgefrischt».
Weil das Budget vor 20 Jahren knapp war und die Bedürfnisse der Bewohnenden sich verändert haben, wurden einige Neuerungen umgesetzt: Der Eingangsbereich sowie der Aussenraum aufgewertet, ein Dachgarten erstellt, die Pantoffelbar vergrössert und den Dachraum besser schallisoliert. Zudem wurden Gemeinschaftsräume getauscht und neu genutzt.