Kraftwerk1 ist verglichen mit vielen anderen, traditionellen Zürcher Genossenschaften eine junge Genossenschaft und entstand in einer Zeit des Umbruchs:
Zürich in den 80ern: Wer bestimmt, wie Stadt sein darf?
Zürich war geprägt von knapper Wohnfläche, wachsendem Verkehr und einer Innenstadt, die zunehmend Büro- und Einkaufsmeile wurde. Die Opernhauskrawalle machten deutlich: Viele junge Menschen waren und fühlten sich ausgeschlossen.
Wem gehört die Stadt? Wer darf sie mitgestalten?
Inmitten dieser Diskussionen entstanden neue Denkansätze – etwa durch das Buch bolo’bolo des Autors P.M., das radikal neue Lebensformen skizzierte: Autonomie, geteilte Räume und Nachbarschaft als Lebensprinzipien anstelle von Einfamilienhäusern und Einheitsbauweise.
Performance, Politik und Pläne
Am 22. November 1983 versammelten sich rund 40 Personen in der Buchhandlung Paranoia City. Sie lagen im Dunkeln auf dem Boden, hörten einer Stimme vom Tonband zu, die sie einlud, Zürich von oben zu betrachten: Wie ist sie – und wie könnte sie sein?
So begann die Geschichte. Und sie war politisch.
Die Bau- und Zonenordnung wurde angepasst, Kämpfe um Stadtentwicklung geführt. 1995 griff der Baudirektor Hans Hofmann durch – und öffnete neue Räume für Projekte wie Kraftwerk1.
Erste Verhandlungen scheiterten
Erste Baulandverhandlungen wurden 1993 mit Sulzer-Escher-Wyss geführt, das «Projekt für das Sulzer-Escher Wyss Areal enthielt die Vision eines grossen, gemischten Wohnprojekts in Zürich-West, doch Banken und Förderinstitutionen hielten das Vorhaben für zu riskant. Wohnen im Industriegebiet galt als unrealistisch. Die junge Genossenschaft hatte weder flüssige Mittel und noch besass sie bereits Häuser als Sicherheit.
Der Kraftwerk1-Sommer und Gründung der Genossenschaft 1995
Das Denken, Diskutieren und Ausprobieren ging weiter: 1995 bauten spätere Genossenschaftsgründer:innen in der Shedhalle das Modell einer idealen Siedlung – mit Grosshaushalten, Sofa-Universität und einem temporären Leben im selbstgebauten Stadtlabor. Die Bilder unten auf der Seite stammen aus dieser Zeit.
Noch im selben Jahr haben die Akteur:innen die Genossenschaft gegründet und auch Bauland gefunden:
Ein gescheitertes Projekt als Chance
Die Immobilienkrise und das Überangebot an Büroflächen zu Beginn der neunziger Jahre bot eine Chance für die junge Genossenschaft: Das Areal an der Hardturm- und Förrlibuckstrasse war ursprünglich für Büros und Kleinwohnungen geplant. 1995 wurde dazu ein rechtskräftiger Gestaltungsplan erstellt, entworfen von Stücheli Architekten. Nach dem Konkurs der Besitzerin übernahm die Oerlikon Bührle Immobilien AG das Grundstück. Wegen der grossen Gebäudetiefe und der Lage wurde das Projekt nicht weiterentwickelt – bis Kraftwerk1 Interesse zeigte. In Gesprächen prüfte man, wie der bestehende Gestaltungsplan für eine andere Nutzung angepasst werden könnte. Mehr zur Geschichte der Siedlung Hardturm.
Finanziert wurde das Ganze auf den letzten Drücker – mit einem privaten Darlehen von zwei Millionen Franken.
Der Bau der Siedlung Hardturm startete 1998
- es entstanden 100 Wohnungen,
- Arbeits- und Gewerberäume,
- Gemeinschaftsräume, erste Gross-WGs in einem Neubau,
- der erste grosse Minergie-Bau der Schweiz.
- Natürlich gab es Kompromisse – aber viele Ideen aus der Anfangszeit wurden Wirklichkeit.
Was heute Alltag ist, war damals neu
Viele Grundideen leben bis heute im Alltag der Bewohner:innen:
- Solidarische Mietmodelle
- Ein Hausladen (Konsumdepot)
- Gemeinschaftsräume wie Pantoffelbar, Werkstatt, Gästezimmer
- Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsprojekt Ortoloco
- Offene Strukturen fürs Quartier
Mehr als ein Projekt: Ein wachsendes Netzwerk
Die Erfahrungen aus der Siedlung Hardturm flossen in neue Projekte ein, bei allen Projekten haben mögliche künftige Mietende und weiter Genossenschafter:innen bei der Entwicklung mitgewirkt und ihre Wohnerfahrungen eingebracht.
Mehrgenerationenhaus Heizenholz in Höngg (2012)
In der Siedlung Heizenholz wurde im Bestand gebaut, aus zwei Gebäuden eines Kinderheims wurde eines, mit einem neuen Verbindungsbau und vorgelagerter siebenstöckiger Gemeinschaftsterrasse.
Als eine der ersten Genossenschaften bot Kraftwerk1 hier Clusterwohnungen an.
Siedlung Zwicky-Süd in Dübendorf (2015)
Hier hat Kraftwerk1 gezeigt, dass gemeinschaftliches Wohnen auch an anspruchsvollen Orten funktioniert. Die Clusterwohnungen wurden weiterentwickelt und Mischformen angeboten, Wohnungen mit Clustern und konventionellen Zimmern.
Siedlung Koch (ab 2026)
Der Bau verfolgt Nachhaltigkeit bei gleichzeitiger bezahlbarer Umsetzung. Zudem beherbergt die Koch-Siedlung eine bunte Nutzung nach dem Prinzip «Ein Haus wie ein Quartier.» Nebst vielfältigen Wohnformen beleben Gewerbe, Kindergärten, Gastronomie und sogar eine Zirkushalle das Gebäude. Bei diesem Projekt experimentiert Kraftwerk1 zum ersten Mal mit Rohbaueinheiten zum Selbstausbau.
Strukturen, die wachsen
Mit dem Wachstum kamen neue Fragen: Wie viel Autonomie brauchen die Siedlungen? Wie koordinieren sich die Bewohnenden? 2001, als die Siedlung Hardturm bezogen wurde, wurde die Geschäftsstelle professionalisiert. Seit 2010 gibt es eine Geschäftsleitung. Die Geschäftstelle ist seit dann kontinuierlich gewachsen.
2016 wurde der Kraftwerk1-Rat gegründet, wo sich Siedlungsvertreter:innen vernetzt haben.
Ab 2018, seit klar wurde, dass Kraftwerk1 die vierte Siedlung baut, kamen viele neue Mitglieder dazu. Mittlerweile sind es über 5000 Menschen (Stand 2025)
Seit 2023 ist Kraftwerk1 daran, sich soziokratisch zu organisieren.
Seit 2024 gibt es aus jeder Siedlung zwei delegierte Bewohner:innen, die in den Kreisen Soziales sowie Planung, Bau & Betrieb mitentscheiden. Das soll Siedlungen und Geschäftsstelle näher zusammenbringen, Entscheide sollen breiter abgestützt sein und der Austausch auf Augenhöhe stattfinden.
Was bleibt?
Kraftwerk1 ist nicht nur ein Ort zum Wohnen und Arbeiten, sondern ein Ort, wo Neues ausprobiert wird. Und das seit über 30 Jahren.